Geschichten & Gedanken

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Was Bäume erzählen – Folge 1


„Natur ist nicht da, damit wir einfach nur von ihr nehmen. Vielmehr leben wir mit und in ihr in einem Prozess des gegenseitigen Gebens und Nehmens. Wie geben wir der Natur? Es fängt mit dem Geschenk des Gewahrseins an.“ (Nature Connection Guide)


Als ich diesen Satz in einem Post las, war ich sofort hellwach und glücklich: es hat jemand glasklar auf den Punkt gebracht, was eine meiner tiefsten Überzeugungen ist.

Um meinen Enthusiasmus näher zu erklären, muss ich eine Geschichte erzählen....

Als Achtsamkeitslehrerin und Waldgesundheitstrainerin leite ich seit vielen Jahren Menschen in der Natur an, dort Achtsamkeit zu üben und zu erforschen, wie die Natur die eigene Achtsamkeit stärken, inspirieren und vertiefen kann, und was wir wiederum von der Natur über uns und die alles verbindende Lebenskraft lernen können. Wir gehen der Wechselwirkung von Natur und Achtsamkeit nach und der Synergie, die sich zwischen den beiden bildet: Achtsamkeit wird gestärkt, die Verbindung zur Natur wird gestärkt und daraus entwickelt sich eine tiefere Verbindung mit dem eigenen Sein und ein ganzheitlicheres Verständnis von uns selbst.


Eine Natur-Achtsamkeitsführung ist weit mehr als ein einfacher Waldspaziergang. 

Es ist so, als ob wir etwas zu uns zurückholen würden, was verloren gegangen ist: unsere Zugehörigkeit zur Natur und die Erfahrung, Teil eines größeren lebendigen Netzwerkes zu sein. 

Aber ich wollte ja eine Geschichte erzählen.....


Ich selbst liebe die Natur und ganz speziell die Bäume. Für mich sind sie großartige Wesen mit Eigenschaften, die wir uns als Menschen von ihnen abschauen können, weil wir diese selbst im Leben brauchen – z.B. Stabilität, Flexibilität, Resilienz, Verbundenheit, Präsenz.

Ich habe einen Draht zu Bäumen und finde bei ihnen Inspiration, Schutz, Trost, Weisheit und Gesellschaft. Allerdings würde ich mich nicht als Bäume-Umarmerin bezeichnen, obwohl ich sehr gerne auch mal einen Baum umarme.

Es geht mir um viel mehr, nämlich um eine Beziehung zur Natur und zum Planeten Erde, die über die Haltung „wozu nützt sie mir?“ hinaus geht. 

Es ist höchste Zeit, dass wir Menschen eine neue, von Aufmerksamkeit und Wertschätzung geprägte Beziehung zur Natur aufbauen und uns nicht mehr getrennt von ihr sehen und dementsprechend handeln. Faktisch sind wir Teil der Natur, leben in, mit und von ihr. Wenn wir das leugnen und nur nehmen, bringen wir den Planeten und damit auch uns selbst aus dem Gleichgewicht - mit nicht unerheblichen Konsequenzen.

Historisch hat sich die Menschheit im Laufe ihrer Entwicklung über die Natur erhoben und die Lebensbasis der Gegenseitigkeit aufgekündigt. Das Ende der Fahnenstange ist nun allerdings erreicht. 


Zurück zur Natur also? 

In gewisser Weise ja. Nicht im Sinne eines neuen steinzeitlichen Lebensstils. Jedoch muss die Tatsache der Untrennbarkeit von Mensch und Natur wieder zugelassen und ins Bewusstsein gebracht werden. Dem entsprechend werden dann Entscheidungen, Handeln und Fortschritt eine Wende erfahren – im Großen wie im Kleinen. Wie kann es uns als Menschheit gut gehen, wenn die Natur - unsere Lebensgrundlage -  leidet?


So jetzt ist es aber wirklich Zeit für meine Geschichte:

Mit unserer Fortbildungsgruppe „Natürlich Achtsamkeit“ hielten wir uns in einem wunderschönen Wald auf, der vor allem von alten, hohen und stolzen Buchen geprägt ist. Es war der letzte Tag der Fortbildung und die Teilnehmerinnen leiteten selbst jede eine Natur-Achtsamkeits-Aufgabe an - allesamt waren es wunderschöne Einladungen, uns mit der natürlichen Umgebung aus dem Herzen in Verbindung zu setzen. Eine Aufgabe lautete: "sucht euch einen Baum, der euch anzieht, euch gefällt, sei es ein großer alter oder noch ein kleiner junger. Geht zu ihm und nehmt Kontakt mit ihm auf, in der Weise, die sich für euch stimmig anfühlt. Einfach nur betrachten, oder berühren, sich zu ihm setzen oder sich anlehnen……schaut, was ihr dabei bemerkt, was entsteht und ob ihr ins Gespräch kommen oder einfach still dort verweilen möchtet."

Ich wählte eine der majestätischen Buchen, berührte die glatte graue Rinde, lehnte mich an den Stamm und spürte hinein, was ich von der Buche wahrnehmen konnte. Sehr klar bemerkte ich Stress und eine gewisse Angestrengtheit, was mich selbst traurig stimmte. Ich begann ein Gespräch mit ihr.

 „Ich liebe euch Buchen, ihr seid besonders für mich, und ich freue mich, dass es euch gibt und wie kräftig, stolz und schön ihr dasteht und zusammen steht. Es tut mir sehr leid, dass ihr so leiden müsst wegen der Hitze und Trockenheit.“ 

„Ja, es ist sehr anstrengend. Wir freuen uns über euren Besuch.“

„Was können wir tun, um euch zu helfen?“

„Ihr müsst uns wieder wahrnehmen, so wie wir sind, als das, was wir sind. In der Weise wahrnehmen, wie ihr (die Gruppe) es macht. Das wird uns helfen.“

In dem Moment habe ich tief verstanden, dass es diese aufmerksame Zuwendung aus dem Herzen ist, was unser Planet und wir selbst brauchen. Wenn wir uns von der Natur berühren lassen, wenden wir uns damit nicht auch uns selbst auf einer tiefen Ebene zu? Und dann kann es auch sein, dass ganz natürlich der Impuls entsteht, das zu beschützen, was wir lieben.


Das Geschenk des Gewahrseins an die Natur ist der Anfang. 


H. Emma Wisser, 16.9.22